München/Delhi (ots) - Die SOS-Kinderdörfer schlagen Alarm: In Indien
ist es lebensgefährlich, Mädchen zu sein. Immer häufiger werden
Mädchenföten abgetrieben. Schätzungen zufolge werden monatlich rund
50.000 weibliche Föten abgetrieben. Weitere 25.000 Mädchen werden
jährlich nach der Geburt getötet. Bei Kindern unter fünf Jahren sterben
fast doppelt so viele Mädchen wie Jungen.
"Wir können diesem
Grauen nicht untätig zusehen", forderte der Vorstand der
SOS-Kinderdörfer weltweit, Dr. Wilfried Vyslozil, in München. "Wir alle
müssen handeln! Auch die Politik ist aufgefordert, sich diesem Thema
aktiv zu stellen." Die SOS-Kinderdörfer schützen in Indien gefährdete
Mädchen und setzen sich für die Rechte der Mädchen ein.
Grund für
die humanitäre Katastrophe ist, dass Mädchen in Indien als Last für die
Eltern gelten: Wer eine Tochter hat, muss sie mit einer teuren Mitgift
ausstatten, die sich vor allem arme Familien nicht leisten können. Aber
auch wohlhabendere Familien greifen auch immer häufiger zur Abtreibung.
Denn immer mehr indische Eltern können es sich leisten, pränatale
Diagnosetechnik wie Ultraschall anzuwenden. Das führt zu einer
steigenden Zahl der Abtreibungen.
"An den Gesetzen liegt es
nicht", erklärte die Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Asien, Shubha
Murthi, selbst Inderin und Expertin für das Thema. "In der Verfassung
sind Frauen Männern längst gleichgestellt." Das Problem sei die
Rückständigkeit vieler Regionen im aufstrebenden Indien.
Offiziell
ist in Indien die Geschlechterauswahl durch die pränatale
Diagnosetechnik verboten. Allerdings müssen die Eltern Untersuchungen
zufolge kaum Verurteilungen fürchten. Dadurch beschleunigt sich die
Schieflage im Geschlechterverhältnis in Indien: Anfang der 90er Jahre
fehlten im Vergleich 4,2 Millionen Mädchen im Alter bis zu sechs Jahren.
Laut Volkszählung waren es 2011 mindestens 7,1 Millionen weniger
Mädchen als Jungen.
Eine Mitgift sei historisch betrachtet
wichtig gewesen, so SOS-Expertin Murthi. Sie sei eigentlich die
finanzielle Absicherung der Frau für den Fall, dass der Mann sie
verlasse oder sterbe. Allerdings habe sich im Laufe der Zeit diese
Institution gegen die Frauen gewendet. Seit vielen Jahren sei die
Mitgift nun der "Lohn" für die Familie
des Bräutigams, damit er die Frau zur Gattin nehme. Für die Mitgift
müssen sich viele Familien verschulden. So können es sich viele indische
Familien nicht leisten, eine Mitgift für eine Tochter zu zahlen und
zögen deshalb lieber nur Söhne groß, die eine Mitgift in die Familie
holten.
Die SOS-Kinderdörfer treten mit ihren 32 Kinderdörfern
und 93 Zusatzprogrammen für Mädchen ein. In den SOS-Familien wachsen
Mädchen und Jungen gleichberechtigt auf. Die SOS-Mütter vermitteln ihren
Töchtern Selbstwertgefühl. In SOS-Kindergärten, -Schulen und
-Ausbildungszentren erhalten Mädchen und Jungen gleiche Bildungschancen.
SOS unterstützt alleinerziehende Frauen und benachteiligte Familien bei
der Versorgung ihrer Kinder und dringt auch hier auf Gleichstellung und
-behandlung von Jungen und Mädchen.
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